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Warum Klettern – wie alles begann …

„Komm, wir gehen heute wandern“, sage ich verträumt in den blauen australischen Himmel blickend zu Achim. Nach einer Woche Segeln am Great Barrier Reef sind wir nach einigen Zwischenstopps mit einem Wohnmobil in den Grampions gelandet. Warum dann klettern? Lest selbst weiter …

Nach dem Aufstehen und der anschließenden Auseinandersetzung mit unseren Mitbewohnern im Nationalpark, den Wallabys, stand die Frage, „was machen wir heute?“ im Raum. Beim „Einchecken“ in den Nationalpark Grampions hatten wir Informationen zu Wanderungen erhalten.

„Schau Achim“, sage ich, „knapp 7 km, 2,5 Stunden, mittlere Schwierigkeit und schöne Ausblicke – das klingt doch interessant bei dem guten Wetter. Und der Track ist gleich in der Nähe.“ Fast habe ich den Achim überzeugt und so schauen wir gemeinsam auf das Informationsblatt. Die Übersicht zeigt, dass es eine Dead-End-Wanderung ist, wir also den gleichen Weg hin und zurück müssen. Der Weg ist detailliert beschrieben, doch bevor ich mit dem Lesen starten kann höre ich Achim sagen, „komm, das können wir gerne machen.“

So packen wir unseren Leihbulli und fahren los. Auf dem Parkplatz, der der Ausgangspunkt für die Wanderung ist, sind eine Handvoll Menschen zu sehen. Wir gehen davon aus, dass diese, teilweise mit Flip-Flops beschuhten Wanderer, die gleiche Wanderung wie wir zum Ziel zu haben.

Wandern mit Flip-Flops

Ich schaue von den Flip-Flops auf meine wandergeeigneten Halbschuhe und danach zu Achim, „ich bin gespannt, was in den Grampions mittlere Schwierigkeit meint. Kannst du dich noch an Neuseeland erinnern, an die Wanderung, die mit acht Stunden Wanderzeit und schwer angegeben war?“ „Das war doch die Wanderung, bei der wir nach einer halben Stunde rollatorgeeigneter Strecke bei einem lieblichen, etwa 30 m hohem Hügelchen angekommen sind, der mit einer Kette zum Hochziehen gesichert war, oder?“ „Genau der, vielleicht wissen unsere Mitwanderer einfach mehr als wir.“

Die Flip-Flop-Menschen sind bereits losmarschiert und in der Ferne gerade noch zu sehen. Zu Beginn ist die Wegfindung etwas unübersichtlich, es geht über eine felsige Ebene. Immer wieder blicken wir zur anderen Gruppe und folgen dieser, wir bemühen nicht die detaillierte Beschreibung. Irgendwann ging die Felsebene in für uns Mitteleuropäer ungewohnten Bewuchs über.

Wunder Natur

Australien Grampions BaumEinige Monate zuvor war ein Buschbrand durch die Grampions gezogen und die Natur kämpfte sich gerade sein Recht auf Leben zurück. Schwarzverkohlte Bäume zeigten erste grüne Triebe, so etwas Faszinierendes habe ich selten gesehen. Staunend bewunderten wir, wie die Natur gegen diesen Eingriff, das Feuer, angeht. Strahlendgrüne Triebe, Blumen, wie ich sie zuvor noch nie gesehen hatte, die zwischen den verkohlten Stämmen um die Wetten blühen und gewundene Formen annehmen. Ständig zeigt einer von uns auf einen besonders grünen Zweig, eine extrem verkohlte Stelle oder eine stark gewundene Blume. Am Abend wird eine volle Speicherkarte unsere Begeisterung dokumentieren.

Der Wanderweg wird hügeliger und wir können die Gruppe vor uns mittlerweile nicht mehr sehen. Gedankenverloren folgen wir dem durch den Bewuchs nun leicht zu findenden Weg und bestaunen das Wunder „Natur“. Er schlängelt sich gemütlich das auf und ab der Hügel mitnehmend durch verkohlte Waldteile, Felsblöcke und eröffnet ständig neue grandiose Blicke in den Grampians Nationalpark. Irgendwann nimmt der Felsanteil wieder zu und mit der Zunahme werden wir langsamer, setzen bedächtig einen Fuß vor den anderen. Er ist mittlerweile so schmal, dass wir hintereinander gehen müssen. Ab und zu hört einer von uns den anderen „alles gut“ sagen – unsere Regel beim Wandern, wenn zu hören ist, dass ein Schritt nicht sicher gewesen ist.

Klettern - mein erster Versuch

„Achim, warum bleibst du stehen? Ich hätte dich fast umgerannt“, sage ich und versuche dabei an ihm vorbei zu schauen, „was hat dich zum Anhalten bewegt?“ Vor uns ist eine Art felsiger Kamin, bestimmt 8 m hoch, ein aufgemalter Pfeil weist nach oben. „Sind wir hier richtig?“, fragt Achim und ich überlege. „Muss richtig sein, es ist eine Dead-End-Wanderung und die mit ihren Flip-Flops sind uns noch nicht wieder entgegengekommen und einen Abzweiger habe ich nicht gesehen.“ „Stimmt, wenn die da hoch sind, dann kann es nicht so schlimm sein“, nimmt Achim meinen Gedanken auf und schiebt sich die Hände und Füße möglichst gleichzeitig benutzend den Kamin hoch, der Pfeil zeigt die Richtung an.

„Oh“, höre ich während ich ebenfalls voll konzentriert meine Hände und Füße an den Fels setze, um nicht herunter zu purzeln. Wie gut, dass ich keine Höhenangst habe. Bedächtig schiebe ich mich den Kamin hoch. Oben angekommen sehe ich nach einer ebenen Fläche von vielleicht 30 cm Länge eine steile Wand vor mir. Mein Blick wandert nach rechts, Achim grinst mich an und ich muss zurück grinsen. Er ist auf allen Vieren und drückt sich leicht gegen die steile Wand. Auf seiner anderen Seite geht es die gut 8 m, die war gerade erklommen haben, steil runter. Der Kamin scheint die einzige Möglichkeit zu sein, hier auf das Band zu kommen.

Warum klettern? Das erste Mal oben

Oben angekommen und mich selbst auch auf allen Vieren bewegend habe ich nicht darüber nachgedacht, ich hatte von Schwierigkeitsgraden beim Klettern eh noch nie gehört. Aus heutiger Sicht aber behaupte ich steif und fest, das war meine erste glatte 3 – und die bin ich frei und solo geklettert.Australien Grampions Maike Brixendorf Klettern Pfeil

„Ich bin beeindruckt von den Flip-Floppers, mal sehen, was noch weiter vor uns liegt“, sage ich während Achim die Wanderung auf allen Vieren fortsetzt. So geht es ein paar Meter, dann um eine Ecke herum und wir befinden uns auf einem Plateau mit traumhaftem Ausblick über die Grampians. Hier können wir aufstehen. „Ja, aber wo sind sie? Hier ist eindeutig Schluss mit der Wanderung“, Achim genießt den Ausblick und überprüft, ob es wirklich nicht irgendwo weitergeht. Was nicht der Fall ist, wir sind am Endpunkt der Wanderung angekommen. „Was ist es schön, dass wir hier jetzt alleine sind“, freue ich mich, „warum auch immer wir den Abzweig, den die Gruppe vor uns genommen hat, nicht gesehen haben.“

Teneriffa, Madeira, Neuseeland, Zypern … wir waren schon an einigen schönen Flecken der Welt wandern und auf einmal ist da diese Kletterpassage in Australien. Irgendwie haben wir es geschafft, heil abzusteigen und wir waren uns einig, diese Kletterpassage war ein Highlight unserer Wanderung – trotz der Passage auf Händen und Füßen im Anschluss. Der Ausblick, die Ruhe und das gemeinsame Erleben – könnte Klettern etwas für uns sein?

Klettern - es wird ernst

Wer nicht gerade Kletterer im Freundeskreis hat weiß wie frustrierend die Suche nach einem vernünftigen Auftakt ist. Gerade auch zu einer Zeit, wo noch nicht an jeder Ecke eine Kletterhalle stand. Scheinbar laufen die Kletterkurse alle nach dem gleichen Prinzip ab. Meine meine damalige Internetrecherche brachte es zumindest so hervor: stundenlange Theorie und am Ende darf jeder Kursteilnehmer eine Route klettern. Den Motivierten und etwas Bewegungsbegabteren wird der Spaß damit echt verleidet. Unsere aufkeimende Kletterkarriere wäre fast im Ansatz erstickt gewesen, hätte ich nicht einen alten Freund, der eine Weile in Süddeutschland gelebt hatte, wiedergetroffen: Chris, ein Kletterer, der uns unter seine Fittiche nahm.

Die Theorie am Anfang reduzierte sich auf,
1. Ziehe diesen Gurt an.
2. Ziehe diese Schuhe an.
3. Ja, du kannst mir glauben, der Knoten hält dich.
4. Ja, du kannst mir auch glauben, ich weiß, was ich hier unten beim Sichern mache.
5. Natürlich kann ich dein Gewicht halten.

Zwischen Start der Theorie und dem Klettern der ersten Hallen-Route lagen ungefähr zwei Minuten und das ist ein Tempo nach meinem Geschmack. Sichern, mit HMS und Tube und ohne Hintersichernden, lernte ich im gleichen Tempo. Der Freund erwähnte nicht, dass seine 25 kg Mehrgewicht grenzwertig sind, er meinte, Punkt 5 gälte auch für mich und er sollte recht behalten. Eine Woche später haben wir gemeinsam dieses Prozedere mit Achim wiederholt und seitdem nennen wir uns Kletterer.

Das Ganze war in einer winzigen zu einem Kindergarten gehörenden Toprope-Halle mit vielleicht 7 m Routenhöhe. Hier lernten wir weitere Kletterer kennen, die uns gerne und viel von den ECHTEN Felsen erzählten. Besonders hoch im Kurs standen Geschichten aus den 80er Jahren in Arco, in Franken und natürlich dem Ith. Schnell war klar, das wollen wir auch und die Idee reifte heran, uns Frischlinge an den Fels zu bringen. Klettern ist mittlerweile fester Lebensbestandteil und wir haben mittlerweile selbst tolle Kletterspots aufgetan.

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