Alpen für Anfänger – Klettern an der Steinplatte

Alpen für Anfänger – Klettern an der Steinplatte

Wir kamen in Waidring unterhalb der Steinplatte an und konnten uns nach einem Begrüßungsschnaps in der Pension Brennerei Brandtner (bei dem Namen hätten wir das ahnen müssen) nicht an der grandiosen Kulisse der Steinplatte im Norden, den Loferer Steinbergen im Süden und dem Wilden Kaiser im Westen sattsehen. Unser erster Kletterurlaub in den Alpen begann und Klettern an der Steinplatte war unser Begehr. Österreich Steinplatte Ansicht vom KlettergartenZur Höhenakklimatisierung ging es am ersten Klettertag in einem Klettergarten. Dort ist alles gutgegangen, wir waren bereit zum Angreifen, es konnte losgehen.

Nachdem wir Mehrseillängenerfahrungen in Sportklettergebieten gesammelt hatten, fuhren wir als Steigerung zum Klettern in die Verdonschlucht und jetzt waren wir in den Alpen angekommen.

Steinplatte ist Alpen für Anfänger werden einige mit Blick auf das große Angebot an gut gesicherter Kletterei sagen, doch das ist mir egal. Sehen aus wie Alpen, riechen wie Alpen, es sind die Alpen.

Endlich wollten wir alpine Mehrseilkletterluft schnuppern und Alpenluft unter unsere Hintern bringen. Wir suchten uns als Einstieg die Green Mile aus. Mit 140 – laut Kletterführer gut abgesicherten – Metern, verteilt auf vier Seillängen, die alle mit IV+ bewertet sind, schien die Route eine gute Wahl zu sein. Das klang machbar und erlaubte uns, an Kletterei in Wechselführung zu denken.

Über die Mautstraße fuhren wir Richtung Stallenalm und machten dabei ordentlich Höhenmeter.
„Wie gut, dass wir das nicht laufen müssen“, erleichtert schaute ich mir als Beifahrerin die an mir vorbeiziehende Umgebung an, „wobei wir die Route dann nicht machen würden. Das Hochfahren und gleich der lange Zustieg sind echte Unterschiede zu unserer bisherigen Kletterei. Das fühlt sich nach Alpen an.“
„Das ist wahr“, Achim fuhr bedächtig Kurve um Kurve die Serpentinen hinauf, „ohne Schnee ist es zwar anders als vom Skiurlaub gewohnt, doch irgendwie riecht es dafür intensiver nach Gebirge.“
Ich öffnete das Fenster und schnupperte, „ja, du hast recht. Hier habe ich tatsächlich das Gefühl, den Fels zu riechen.“Österreich Steinplatte Maike Brixendorf Zustieg

Klettern an der Steinplatte – wir kommen näher

Auf dem Parkplatz waren Camper am Frühstücken. Ich war gespannt, wen wir am Fels wiedersehen. Unsere erste Herausforderung würde das Finden des Einstiegs sein. Der Zustieg war für alpines Gelände moderat mit unter einer Stunde angegeben.

Als es an das Packen der Rucksäcke ging, war nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Material und Verpflegung die Devise. Achim kennt mich lange genug und weiß, wenn Maike nicht rechtzeitig mit Nahrung versorgt wird, ist das nicht lustig. Und die Keile wanderten Achims Protest zum Trotz zur Sicherheit ebenfalls in meinen Rucksack. Wer weiß, was in den Alpen gute Absicherung bedeutet. Kletterbuchautoren und ich sind nicht immer einer Meinung.

„Maike, bist du auch voller Vorfreude?“, Achim schaute mich mit großen Augen und einem breiten Grinsen an. Er hatte Felsgeruch in der Nase, ich sah es ihm an. Jetzt musste ich ihn bremsen, sonst wäre er schneller weg als ich piep sagen kann.

Österreich Steinplatte Klettern Maike Brixendorf ZustiegWas dann eine Stunde später auch passierte. Erst ging es gemütlich über die Forststraße sanft bergauf und wir unterhielten uns fröhlich. Dann kam die Felswand in Sichtweite, sie war fast zum Greifen nahe, da ging es zwischen herumliegenden Felsen steil bergauf. Auf einmal war Achim nicht mehr zu sehen. Ich war mit Luft in die Lungenflügel bekommen beschäftigt, da konnte Achim dem starken Sog der Felsen nicht widerstehen und joggte los. Bevor ich ihn bremsen konnte, war er bereits nicht mehr zu sehen.

„Achim, Achim – wo bist du hin?“
„Hier!“
„Du Schlumpf, wo ist hier?“ Im Geröll sah nichts mehr nach ausgetretenem Pfad aus.
„Ich bin nach links gegangen“, hörte ich Achim rufen.

Ich versuchte der Stimme eine Richtung zuzuordnen und einen Weg zum Felsfuß zu finden. Plötzlich erschien Achim wieder in meinem Sichtfeld. Freudestrahlend zeigte er auf ein Loch in der Wand.

Die erste Herausforderung ist gemeistert

„Schau, unsere Route soll neben dem markanten Loch starten.“

Österreich Steinplatte Zustieg zur Green MileGanz außer Atem holte erst einmal tief Luft freute mich, die erste Etappe, den Zustieg, geschafft zu haben. Wir legten die Gurte an und packten ein wenig Proviant in einen Rucksack. Der Abstieg würde später mit Abseilen zum Einstieg beginnen. Wir mussten glücklicherweise nicht alles kletternd auf den Gipfel bringen, sondern konnten einen Rucksack am Einstieg lassen.

„Achim, willst du die Keile haben, du steigst ja die erste Seillänge vor?“
Achim schaute sich die Route an, also den Teil, den er einsehen konnte und danach mir in die Augen, „die soll gut gesichert sein und ich habe zwei Haken gesehen. Die Keile brauche ich nicht.“
Ich war noch nicht überzeugt und hängte sie trotzdem an meinen Gurt, sicher ist sicher.

Vor dem Einstieg drehten wir uns noch einmal um.
„Bereits hier am Einstieg ist das eine ganz andere, eine besondere Kulisse. Ich kann schon verstehen, dass sich Kletterer so für das Klettern in den Alpen begeistern können.“
Achim nickte zustimmend, „und der Einstieg fühlt sich durch die Höhe irgendwie luftiger an.“Österreich Steinplatte Klettern Ausblick

Das Klettern an der Steinplatte beginnt …

… mit einer Verschneidung mit Ansätzen von Spagat und dann sah ich Achim in einem Kamin verschwinden. Ein paar Minuten später hörte das vertraute Seilkommando „Stand“ und ich bereitete mich auf meinen ersten Nachstieg an der Steinplatte vor. Der Einstieg löste sich besser auf als ich von unten dachte und schnell kam der glücklich grinsende Achim in meinen Blick, „geht doch.“

Es folgte eine namensgebende Passage und fröhlich kletterten wir in Wechselführung die Seillängen. Meter für Meter ging es nach oben. Die Bewertung der Green Mile ist mit  IV+ moderat, doch die Route bis auf die grasigen Passagen homogen und damit äußerst angenehm. Böse Überraschungen hält sie nicht vor. Auch dass laut Kletterführer nicht alles ganz fest sein soll, erlebten wir nicht.

Für die moderate Kletterei war die Absicherung für mich ausreichend, die Keile klimperten als Trainingsgewicht an meinem Gurt. Achim war so abgelenkt von der Szenerie, er verkneift sich jeden Kommentar dazu.

„Ist es nicht wunderbar hier?“
„Dreh dich mal um und genieße den Ausblick.“
„Die Luft ist hier ganz anders.“
„Ganz schön hoch hier.“
„Alpen ohne Schnee ist komisch.“
„Wow.“

Unsere Kommunikation unterwegs war getränkt von dem erhabenen Gefühl der alpinen Kletterei oder sagen wir, der Kletterei mit und im alpinen Ambiente.

Klettern an der Steinplatte – oben aussteigen

Irgendwann ware wir oben und stiegen aus. Ein echter Gipfel ist es nicht, eher ein Gipfelplateau. Wir freuten uns in Ruhe über das Geschaffte und genossen den Ausblick.Österreich Steinplatte Klettern Ausblick vom Gipfelplateau„Berg heil“, ich schaute Achim vermutlich ähnlich glücklich grinsend an wie er mich.
„Berg heil, liebe Maike, wir haben unsere erste Mehrseillänge in den Alpen niedergerungen.“
„Yippieh“, und mit Blick auf mein Hungergefühl, das sich auf einmal nach der ganzen Aufregung bemerkbar machte, „wollen wir etwas essen?“
„Ja, gerne. Doch lass uns erst schauen, wo die Abseilpiste ist. Die muss hier irgendwo links sein.“

Zwischenzeitlich hatten wir die Doppelseile aufgenommen und es ging los. Der Start der Abseilpiste war schnell gefunden und kurz dahinter lud uns ein besonders schönes Plateau zum Picknickmachen ein.
„Das ist mal schön hier“, Achim legte die Doppelseile ab und gemeinsam machten wir uns über den Inhalt des Rucksackes her.Österreich Steinplatte Klettern Achim Brixendorf GipfelplateauWir standen auf dem Gipfelplateau und versuchten, den Bergen um uns herum Namen zu geben. Ein erhabenes Gefühl machte sich in uns breit. Es ist ein großartiges Gefühl, in den Alpen zu klettern.

Nach hoch-klettern kommt runter-abseilen

Das Abseilen wurde noch zu einem kleinen Abenteuer, was wir natürlich zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten. Die ersten 30 Meter sollen laut Kletterführer eine II sein und abgeklettert werden.
Ich betrachtete das Gelände, „schau, Achim, hier ist ein Haken. Ich glaube, ich bin nicht die erste, die hier nicht abklettern will.“

Wir nutzten die Einladung zum Abseilen und arbeiteten uns nach und nach die Abseilpiste hinunter. Die letzte Seillänge führte zu Beginn über eine Stufe. Achim seilte als erstes ab und ich sah, die Doppelseile durch einen Felsspalt laufen. Ich war mir nicht sicher, ob sich das verhindern liesse, doch versuchte ich beim Abseilen ganz bewusst, die Seile nicht in die Spalte zu legen. Schnell war ich über die Stufe hinweg und konnte nicht mehr sehen, wie der Seilverlauf über mir war.

Unten angekommen übernahm Achim das Abziehen der Seile. Das Vergnügen war schnell vorbei, sie verhakten sich und es war keine Bewegung mehr möglich.
„Ich hatte das befürchtet“, ich schaute nach oben, „bei dir hatte ich gesehen, dass es durch eine Spalte läuft. Ich habe versucht, das zu verhindern, doch vermutlich ist es wieder dort hinein gerutscht.“

„Puh, ich weiß nicht, wie wir da wieder hochkommen sollen“, Achim betrachtete die frei schwingenden Seile und die steile Wand dahinter, „ich versuche mal etwas.“ Er ging den Seilen entgegen, stieg leicht auf und versuchte, durch den entstehenden anderen Winkel, die Seile frei zu schaukeln.
Es ruckelte und zuckelte. Plötzlich waren sie frei und fielen uns entgegen.
„Noch einmal Glück gehabt!“

Zufrieden mit dem Kletter- und Abseilerlebnis kletterten wir die letzten Meter bis zum Einstieg ab. Hier fühlte es sich nach IIer Gelände an.

Geschafft!

Unsere Anspannung war weg, dafür lag ein Grinsen in unseren Gesichtern und gemeinsam machten wir uns auf den Abstieg Richtung Stallenalm und der dortigen Gastronomie. Auf der Forststraße angekommen drehte sich Achim zu mir,

„Maike, wir können jetzt auch Alpen!“Österreich Steinplatte Gipfelplateau Ausblick

P. S. Wir waren im Sommer 2019 an der Steinplatte und ich freue mich auf einen erneuten Besuch. Ich kann mich für Kletterei in den Alpen ohne drei Stunden Zustieg begeistern. Vielleicht höre ich auch deswegen Stimmen, es seien Alpen für Anfänger.

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