Nach drei Tagen Klettern in Sachsen ist der Harz nicht mehr so schlimm …

Nach drei Tagen Klettern in Sachsen ist der Harz nicht mehr so schlimm …

„Seid ihr verrückt, im Harz klettern zu gehen?“ und „Klettern in Sachsen – spinnt ihr?“, ist die regelmäßige Reaktion, wenn wir norddeutschen Kletterfreunden von unseren Kletterausflügen erzählen. Beim Thema Harz geht es bei erfahrenen Ith-Kletterern meist weiter mit, „nein, Granit und dann ohne Sicherung, das mag ich nicht“ und damit ist das Gespräch beendet.

Grundsätzlich mag ich Routen mit einfacher Wegfindung und vernünftiger Absicherung. Die Möglichkeit, Routen selbst gut absichern zu können, ist eine erstrebenswerte und brauchbare Alternative. Und meinem aktiven Kletterumfeld geht es genauso, was vermutlich deren Aussagen erklärt.Deutschland Sachsen Gipfelbuch mit AusblickIch muss zugeben, mir ging es bis vor einigen Jahren nicht anders. Sachsen war weit weg und jedes Gespräch, mit jemanden mit sächsischer Gipfelerfahrung verdeutlichte mir, einfach hinfahren und losklettern ist keine wirklich gute Idee. Es braucht erfahrende, am besten einheimische Führung, vorzugsweise von Kletterern, die ihr 50jähriges Gipfeljubiläum gefeiert haben und damit gezeigt haben, sie trotzen dauerhaft und erfolgreich den Besonderheiten der sächsischen Kletterei.Deutschland Sachsen AusblickDer Ith, Franken und Südfrankreich sind ebenfalls schön. Kletterzeit ist rar und Sachsen erschien einfach nicht auf meinem Radar. Mit Heimathafen Ith liegt das Klettern im Harz viel näher, zumindest geografisch nicht klettertechnisch.

Die Anfänge unserer Kletterei in Niedersachsen

Als Abschiedsgeschenk zu unserem Umzug von Hamburg nach Hannover erhielten wir von Hamburger Freunden deren Uraltauflage des Kletterführers „Hoch im Norden“.

Dieser zeichnet sich durch großartige Zufahrts- und Zustiegsskizzen aus, die bestimmt beim zweiten Besuch hilfreich sind. Gefühlt werden alle Zustiege vom Ith-Campingplatz aus beschrieben, dessen Lage bleibt hingegen wage. Ein gut gehütetes Geheimnis, wie wir schnell feststellten. Oft überfüllt, wurde gemunkelt.

Die aktuelle Auflage des Kletterführers war vergriffen und das Kennenlernen von erfahrenen Ith-Kletterern auf den Straßen von Hannover stellte sich als echte Herausforderung dar.

Klettern am Ith war trotzdem unser Begehr, dafür waren wir eigens in den Süden gezogen. Internet sei Dank hatten wir zügig eine Zufahrtsbeschreibung nach Holzen. Schon bald konnten wir dort kletternd gesichtet werden.

Doch Achim hatte sich auf unseren Umzug gut vorbereitet und mir ganz uneigennützig Paules Kletterbibel vom Westharz geschenkt. Ein motiviertes Ziel, denn seinerzeit – wir schrieben das Jahr 2009 – waren wir gerade im zweiten Jahr unserer Felskarriere.

Allein das Denken an Harz-Kletterei verströmte eine geheimnisvolle Atmosphäre, als würde mich ein kalter Windzug streifen. Und das obwohl ich noch nichts darüber gehört hatte.

Trotzdem, Achims erklärtes Ziel war, mit mir den Harz klettertechnisch zu erobern. Auch da irgendwann der Zeitpunkt kam, an dem uns Klettern in Holzen zu eintönig wurde, obwohl es zweifelsohne eines der schönsten Ith-Klettergebiete ist.

In Paules Kletterbibel sind viele Routen in moderaten Graden zu finden, eine großartige Basis für uns Kletterneulinge mit wenig Felserfahrung. Über den Harz hatten wir noch nicht viel gehört und so machten wir uns mit der Kletterliteratur im Gepäck auf den Weg, die Harzer Gipfel zu erklimmen.Deuschland Klettern Kletterführer im Norden

Klettern im Harz – erste Annäherungen

Wieder begann das eigentliche Klettern mit einer Befragung des Internets. Es spuckte die Marienwand, den schlafenden Löwen und die Studentenklippen als geeignete Einsteigerwände aus.

„Maike, das klingt doch super“ Achim grinste mich an, „da werden wir sich sicherlich was zum Klettern finden.“
„Ich bin guter Dinge“, antwortete ich, „bisher haben wir überall etwas Kletterbares gefunden.“

Wer weiß, vielleicht hätte das geklappt, wenn wir drei Stunden früher am Fels gewesen wären. An Marienwand und schlafendem Löwe hingen bereits Kletterer wie Spinnen an der Wand. An den Studentenklippen tobte sich ein Kletterkurs aus.

„Jetzt sind wir hier, jetzt wird auch geklettert“, sagte Achim mit Felsgeruch in der Nase.
Ich schaute mir den runden Granit (Wollsackverwitterung ist hier das Fachwort, wie ich heute weiß) an und war nicht im gleichen Maße überzeugt, ob das heute noch etwas wird, doch warf ich ein „klar, dafür sind wir hier“, zurück.

Wir stiefelten suchend durch den Wald bis wir über einen klettererfreien Felsen stolperten und versuchten diesen, mit den Felszeichnungen in der Kletterbibel in Einklang zu bringen. Heute, gut 10 Jahre später, kann ich nicht mehr nachvollziehen, wo wir gewesen sind.

Ich weiß noch, dass wir uns für unser erstes Harz-Klettererlebnis eine glatte IV ausgesucht hatten. Für mich sah die Route aus wie eine senkrechte Raufasertapete. Glücklicherweise konnten wir das Seil von oben einhängen, um dann unbeobachtet im Toprope unsere ersten Kletter-Gehversuche im Harz zu starten.

Klettern im Harz – der erste Versuch

Starten?

„Achim, das geht nicht!“, verzweifelt schaute ich erst die Wand und danach meinen Seilpartner an.
„Du hast Reibungskletterschuhe an, Maike“, Achim lächelte, „tritt einfach auf Reibung an.“
Ich ahnte es damals nicht, doch diesen Spruch sollte ich in meiner weiteren Kletterkarriere noch häufig zu hören bekommen.

„Ich kann an einer graden Wand ohne Griffe nicht antreten“, ein leicht genervter Unterton hatte sich in meine Stimme geschlichen, „das soll eine IV sein, wie sind dann die schwereren Routen?“

Nur mit freundlicher Unterstützung meines Sicherungspartners schaffte ich es, vom Boden abzuheben.
Oben angekommen bin ich trotzdem nicht, „komm, lass mich ab, du bist dran.“

Motiviert stieg Achim ein und versuchte sein Glück. Nach seinen ersten Versuchen, ohne Griffe im senkrechten Gelände anzutreten, verstand er meine Kletter-Performance. Doch Achim, gar nicht dumm, hatte eine neue Kletteridee. Er spreizte an die Wand gegenüber aus. Eine Vorgehensweise, die mir aufgrund meiner von Achim abweichenden Größe unmöglich gewesen ist. Mit viel Seilzug von oben kämpfte er sich langsam in Richtung Umlenker.

„Puh, das kann wirklich lustig werden.“ Gemeinsam schauten wir in den Kletterführer, welche Routen sich in der Umgebung noch anböten. Eine von oben eingehängten V- sollte es sein.

„Hier sind immerhin Aufleger, schön rund und ein bisschen stachelig, damit die Hände nicht sofort abrutschen“, meiner Stimme war sicherlich Verzweiflung anzuhören

Es hatte dieses Mal mehr mit Klettern zu tun, doch ohne Achims Unterstützung wäre ich ebenfalls nicht vom Boden weggekommen. Über Vorstieg musste ich nicht nachdenken, da konnte ich die nichtvorhandene Sicherung getrost ignorieren.

Achim kletterte die Route deutlich eleganter als ich, Vorstiegsambitionen entwickelte er jedoch auch nicht.

Wir entschieden, es sei beste Kaffee-und-Kuchen-Zeit und ohne es laut auszusprechen packten wir zu Hause angekommen Paules Kletterbibel nach ganz hinten ins Bücherregal und ließen den Harz für die nächsten Jahre Harz sein.

Die Kletterkarriere geht voran

Gerade als wir anfingen, ernsthaft an dem Vorhandensein von Kletterern in Hannover zu zweifeln, taten sich glücklicherweise nach und nach kletternde Menschen in unserem Umfeld auf. Endlich fanden wir in Ith und Umgebung andere Klettergebiete als Holzen.

Über die Jahre folgten viele Kletterurlaube in Deutschland, Europa und Nordamerika und Klettern im Harz war eine mögliche Alternative, die ganz weit hinten im Bewusstsein schlummerte. Da fühlte sich der Gedanke daran eigentlich gut aufgehoben.

Mit der Klettererfahrung stieg die Sicherheit, uns unbekannte Routen zu erarbeiten und bei Bedarf mit mobilen Sicherungsgeräten abzusichern.

2017 lernten wir norddeutsche Kletterer kennen, die bereits im geteilten Deutschland in Sachsen geklettert sind. Auf 50 Jahre Klettererfahrung im Sandstein kamen sie zwar nicht, doch als sie die Einladung aussprachen, uns in die Geheimnisse des Sachsen-Kletterns einzuführen sagten wir, ohne viel darüber nachzudenken, zu.

Gerade waren wir dem Charme des Mehrseillängenkletterns erlegen, hatten also die für Sachsen unabdingbaren Techniken erlernt, da klang es sehr einladend.

Im Jahr darauf wurde es ernst und wir fuhren zum ersten Mal zum Klettern nach Sachsen.

Klettern in Sachsen – der erste Versuch

Deutschland Sachsen Klettern KarawaneDort trafen unsere Gebietserfahrenen alte Bekannte und neue Gesichter. In wechselnden Konstellationen besuchten wir die Felsen und wie eine Karawane erklommen wir die Gipfel.

Sandsteinklettern ist wirklich anders und es braucht, bis das Vertrauen in die Hände und Füße hergestellt ist. Doch das Gipfelerleben war in diesem ersten Sachsen-Kletterurlaub viel wichtiger als der Eintrag des Vorstiegs ins persönliche Routenbuch.

Ins Gipfelbuch auf den erklommenen Gipfeln trägt sich jeder ein, laut sächsischer Kletterregeln und Tradition in der Reihenfolge der Ersteigung des gerade bestiegenen Gipfels.

Über die Sicherungssituation machte ich mir an meinen ersten Klettertagen in Sachsen wie beim Klettern im Harz keine Gedanken, das Seil kam in diesen ersten Tagen von oben und meine Rolle war es, alles nachzusteigen, was andere vorgestiegen sind. Nach und nach gewöhnte ich mich an die ungewöhnlichen Strukturen und das veränderte Gefühl in Händen und Füßen, eigentlich des ganzen Körpers.Deutschland Sachsen Klettern Übertritt

Das Klettern an Sandstein ist anders als das, was ich bisher mit Klettern verbunden hatte. Viele runde Strukturen, oft keine graden Linien, sondern ein Zick-zack zum Gipfel und Ganzkörpereinsatz, um ans Ziel zu kommen.

Gleich am zweiten Tag gehörte ein Übertritt zum Weg auf den Gipfel. Die erfahrenen Sachsenkletterer schritten einfach hinüber, ich schaute ihnen nur ungläubig zu.

„Das ist viel zu weit, das schaffe ich nicht“, weiterhin ungläubig blickte ich in den tiefen Schlund, der mich mit aller Macht zu sich zog. Wie gut, dass ich angeseilt war.

„Der ist gar nicht schlimm“, tönte es von der anderen Seite, „du kannst dich rückwärts auf diese Stufe stellen“, dabei wurde auf einen kleinen, kaum erkennbaren Absatz gezeigt, „und dann langsam den Fuß auf die andere Seite setzen. Schau hier ist eine gute Stelle.“ Wieder wurde auf etwas für mich nicht als Tritt definierbares am Fels gezeigt.

Klettern in Sachsen - Mein erster Übertritt

Ich schaute noch einmal in den tiefen Schlund vor mir. Hier zeigte es sich wieder, Klettern in Sachsen ist anders. Dir zeige ich es trotzdem, dachte ich und nahm all meinen Mut zusammen.
„Ok, aber du nimmst mich ins Seil und passt gut auf.“

Ein Nicken von der anderen Seite flößte mir etwas Mut ein und der Seilzug wurde merklich, es konnte losgehen. Meine Hände suchten Halt und tatsächlich konnte ich einen Fuß in die angezeigte Position bringen. Mit so viel Erfolgserlebnis gestärkt setzte ich den anderen auf die gegenüberliegende Seite. Ein Wunder, meine Beine waren nicht zu kurz. Schnell die Hände auf die andere Seite gelegt, den zweiten Fuß hinterhergezogen – geschafft!

„Mein erster Übertritt!!“

Achim war der nächste in der Reihe. Nach außen zeigte er seine Nervosität vor dem Übertritt nicht im gleichen Maße wie ich es vorher getan hatte, doch auch er wählte den gleichen Weg wie ich, um den saugenden Schlund zu überwinden.

Es ging noch mehrmals über verschiedene Wege auf diesen Vorgipfel und dann über den Schlund hinweg zum Hauptgipfel. Jeder Übertritt wurde flüssiger und zum Schluss hüpfte ich ebenfalls behände hinüber. Was für ein Glücksgefühl. Sachsenklettern ist echt anders.

Anderes Klettergebiet - andere Sicherungsmittel (und mehr)

Die Empfehlung, die ältesten Kletterklamotten anzuziehen, traditionelle Sachsenkletterer ziehen diese am Fels an, verstand ich nach meiner ersten Kaminerfahrung. Richtig hinein zu klemmen traute ich mich anfangs nicht, vielmehr freute ich mich über jeden kleinen Vorsprung, denn mit kleinen Griffen und Tritten kann ich umgehen.Deutschland Sachsen Klettern Seilschlingen

Doch nach und nach fing ich an, den runden Strukturen und meinen Füssen zu vertrauen und mich manchmal mit ganzem Körper irgendwo hoch zu schieben.

Im Bergsport Arnold in Hohnstein kauften wir eine Grundausstattung Sicherungsschlingen, inklusive einem Holzpfriemel von dem ich wohl weiß, was es damit auf sich hat, der aber immer noch völlig unbenutzt ist.

Mit denen im Gepäck wurden wir in die Geheimnisse des Schlingenlegens als Grundlage für das eigenständige Klettern in Sachsen eingeführt. Mein Highlight sind nach wie vor die Fusselschlingen, die scheinbar überall halten, auch auf Reibung, weil deren Fusseln auf wundersame Weise eine enge Verbindung zu dem Sandstein eingehen …

Alles in allem, ich bekam eine Idee, was mit den Schlingen möglich ist, reinfallen möchte ich trotzdem nicht. Wobei, bei Sonnenschein betrachtet, in meine Keile und Friends möchte ich ebenfalls nicht reinfallen. Für das Gemüt sind sie trotzdem gut.

Die mit viel Klettern gefüllte Woche in Sachsen ging vorbei und unsere Dankbarkeit an die Kletterfreunde, die uns in dieses neue Kletterkapitel eingeführt haben, war und ist groß. Das zeigte sich auch darin, dass Achim und ich vom Gipfelerstürmen, der lieblichen Umgebung, dem guten Bier und den freundlichen Kletterern angefixt waren und gemeinsam überlegten, wie wir an mehr davon kämen. Doch ganz allein trauten wir uns noch nicht an die Felsen.Deutschland Sachsen schöner Ausblick

Klettern in Sachsen – es geht weiter

Leider ergab sich kurzfristig keine zweite Chance, gemeinsam zum Klettern nach Sachsen zu fahren, doch sind wir mittlerweile befähigter, Kletterer kennen zu lernen. Irgendwie hatten wir Glück, schon kurze Zeit später lernten wir sächsische Kletterer kennen, die uns ebenfalls ein wenig unter ihre Fittiche nahmen. Zusammen kamen sie sicherlich auf die 50jährige Gipfelerfahrung, die als vertrauenswürdig gilt.

Es fand sich ein passendes Wochenende für gemeinsames Klettern in Sachsen und wir mieteten uns in der Gegend ein. Kamine, Risse, ohne Griffe auf Reibung antreten und Quergänge wurden uns die nächsten Tage präsentiert. Meine Kalkerfahrung im Hinterkopf suchte ich nach Griffen und Tritten und wurde dafür belächelt.Deutschland Sachsen Klettern MaikeBrixendorf

„Maike, warum nimmst du nicht einfach den Riss, das ist viel energiesparender.“
Ich lächelte, steckte meine Hand in den Riss und hatte keine Idee, was ich machen sollte. Zurück an der Wand fand ich hingegen kleine Vorsprünge, die ich als Griffe nutzen konnte.

Achim, eindeutig nicht nur der bessere Kletterer von uns, sondern auch der mutigere, hatte bereits im ersten Sachsenurlaub Vorstiegserfahrung gesammelt und baute sie unter sächsischer Aufsicht weiter aus.

Für mich stand und stehen die große Bergfahrt und das Gipfelerleben vielmehr im Vordergrund als die Suche nach der Steigerung des Schwierigkeitsgrades. Alles in allem ist das Klettern in Sachsen eine großartige Bereicherung des Kletterportfolios, die ich nicht missen möchte.

Nach einem weiteren Wochenende in Sachsen unter einheimischer Betreuung, die sich auch durch eine prima Felsauswahl auszeichnete, trauten wir uns in diesem Jahr (2020) das erste Mal als Seilschaft ohne kundige Sachsen-Kletterer an die Wand.

Klettern in Sachsen – ein Selbstversuch

Der Termin stand, die Ferienwohnung war gebucht und aufgeregt machten wir uns auf den Weg. Werden wir uns selbständig an den sächsischen Wänden bewegen können? Wie wird es mit der Absicherung? Bereits im Auto flogen die buchstäblichen Kletterfunken.

Wir suchten uns einen Felsen mit leichten Wegen, der großen Mühlenwächter im Bielatal war unser erstes Ziel. Nach der obligatorischen Suche, in Sachsen stehen bannig viele Gipfel herum, das macht die Sache nicht leichter, standen wir ehrfurchtsvoll am Fuße unseres Begehrs.Deutschland Sachsen Großer Mühlenwächter

Gemütlich stand er da herum, der große Mühlenwächter, und strahlte uns in seiner ganzen Schönheit an. Er schien zu lächeln und uns gar Zuversicht vermitteln zu wollen.

„Traut euch“, schien er zu flüstern.
Achim ließ sich nicht lange bitten und bamselte all unser Sicherungsmaterial sowie Exen in allen Längen an seinen Oberkörper und Gurt.

Der Alte Weg, eine glatte sächsische III, hatte es ihm angetan. Mutig schaukelte er sich den Einstiegsriss zum Absatz, dabei schaute er, wo er was legen könnte und routiniert aussehend, legte er fleißig, was und wo es ihm sinnvoll erschien. Wie so oft in cleanen Wegen versuchte er, möglichst viel von seinem hochgeschleppten Sicherungsmaterial zu verbauen.

„Gesichert!“
„Seil frei!“
„Kannst kommen!“
„Ich komme!“

Deutschland Sachsen Klettern Maike und Achim Brixendorf auf GipfelIch machte mich auf den Weg, auf den Alten Weg, um den großen Mühlenwächter, der bei näherer Betrachtung gar nicht so groß ist, nur größer als der kleine Mühlenwächter, zu besteigen. Bald saß ich glücklich neben Achim und gemeinsam schauten wir über das liebliche Bielatal.

„Berg heil!“
„Berg heil!“

„Das hat doch ganz prima geklappt“, Achim grinste mich an, „komm wir klettern weiter.“ Nachdem wir uns noch einmal umgeschaut hatten, überall waren Kletterer an und auf den Gipfeln zu sehen, ging es ans Abseilen.

Klettern in Sachsen - Vorstiegsgelüste

Auch ich wollte meine Vorstiegsgelüste in Sachsen austoben. Der Alte Weg bot eine Variante an, eine glatte II, der hatte es mir angetan.

Um es kurz zu machen. Eine II in Sachsen kann sich für uns klassischen Sportkletterer verdammt aufregend anfühlen. Und vor allem schwerer. Zumindest für mich. Ich kletterte die ersten Meter ohne eine Idee zu haben, wo ich eine Sicherung legen könnte.

Es fühlte sich nicht so nach II an, wie ich es erwartet und vor allem gerne hätte. Vor mir lag ein anspruchsvoller Zug, den ich nicht ungesichert probieren wollte. Suchend schaute ich nach rechts, nach links, versuchte gerade angreifen und schaute dabei, ob ich eine Schlinge legen könnte.Deutschland Sachsen Großer Mühlenwächter Ausblick

Eine gefühlte Ewigkeit später stand ich samt des kompletten Sicherungsmaterials wieder auf dem Boden. Nun stieg Achim ein und legte mir eine erste Zwischensicherung. Dies lag etwas höher, als ich in meinen ungesicherten Versuchen geklettert bin.

Was die Psyche alles mit einem macht, denn so beschlingt ging es ganz wunderbar und ich fand im Verlauf des Weges noch hübsche Möglichkeiten, meine mitgeschleppten Schlingen zu verbauen.

„Gesichert!“
„Seil frei!“
„Kannst kommen!“
„Ich komme!“

Achims Gesicht kam mit einem großen Grinsen in mein Blickfeld als er sich über den letzten Absatz schob.

„Berg heil!“
„Berg heil!“

So kann es weiter gehen, dachten wir und wir kennen uns gut genug, um zu wissen, wir müssen es nicht aussprechen. Was wir natürlich trotzdem taten.

Wir kletterten noch den Alten Weg am kleinen Mühlenwächter, wieder eine glatte II. Nun wünschte sich Achim einen anspruchsvolleren Weg.

Klettern in Sachsen - Abenteuer im Bielatal

Nach einem Blick in den Plaisirkletterführer machten wir uns auf den Weg zum Spannagelturm. Der dortige Alte Weg (IV/E2) hatte zwei ** und den wollten wir uns anschauen.

Der Führer informierte uns, „aber auch im „Alten Weg“ hat man für den IV. Sachsengrad gut Luft unterm Hintern.“ Eine Aussage, die Achim eher lockte als abschreckte.

Dort angekommen, waren keine anderen Kletterer zu sehen und wir konnten in aller Ruhe, diesen hohen Turm bewundern.

Achim fühlte sich mit den bisherigen Erfolgen gut vorbereitet auf den Spannagelturm. An der angekündigten Schlüsselstelle schaute er nur kurz und griff mutig an.

„Gesichert!“
„Seil frei!“
„Kannst kommen!“
„Ich komme!“

„Ein Traumweg“, ich sprach es aus und irgendwie ließ sich das Grinsen nicht aus unseren Gesichtern wischen an diesem ersten eigenständigen Klettertag in Sachsen, „wer hätte das gedacht, dass das alles so gut klappt.“
Mit etwas Mühe überwand ich den letzten Absatz und setzte mich neben Achim auf den Gipfel.

„Berg heil!“
„Berg heil!“

Wir ließen die Blicke über die Kletterer an den anderen Türmen schweifen.
„Was für eine tolle Umgebung“, ich blickte Achim ins Gesicht, „und wir haben uns genau das richtige Wetter für unsere Klettertage in Sachsen ausgesucht.“

Nachdem wir erst am frühen Nachmittag in Sachsen angekommen waren, sollte es für den ersten Tag reichen.

Betreutes Klettern

Am nächsten Tag fuhren wir mit unseren erfahrenen einheimischen Kletterfreunden nach Eiland auf der tschechischen Seite des Bielatals und verbrachten einen weiteren, grandiosen Klettertag. Dank ihrer schönen Wege-Auswahl zierten alsbald viele Gipfel vier glückliche Kletterer.Deutschland Sachsen Klettern Achim BrixendorfAuch in Eiland wabberte das Thema Rissklettern zwischen den Felsen herum und durch den Wald.

„Maike, das ist viel kraftschonender als sich an kleinen Griffen festzubeißen“, durfte ich hören und wenn ich unseren Kletterfreund im Riss hängen sah, glaubte ich das sofort.
Ich versuchte, es ihm nachzumachen, doch ich bekam keinen Grip und mein Arm, meine Hand rutschten einfach heraus.

„Übung muss her“, war die Ansage.

Unsere letzte Eiland-Route wies einen wunderschönen Handriss aus und eine letzte erklärende Einweisung später bekam ich Risshandschuhe angezogen. Und wer hätte das gedacht, mit ihnen bekam ich eine Idee, wie das ganze funktionieren könnte.

Mit diesem Erfolgserlebnis ging es bei wunderbarsten Sonnenschein erst in den Badesee und danach an die Zapfquelle des tschechischen Bieres. Es war ein gelungener, runder Klettertag im Elbsandstein.

Am nächsten Tag ging es gemeinsam an die Bergstation im Bielatal und mit der einheimischen Einweisung traute sich Achim in Vorstiege bis VIIa/E2. Allen Wegen war gemein, dass sie ein wunderbares Gipfelerlebnis boten.

Große Bergfahrten und Gipfelerlebnisse, meine Zusammenfassung für Sachsenklettern, zeigten sich hier im vollen Umfang und von ihrer besten Seite.

Nach Sonne kommt Regen

Am nächsten Tag regnete es und wir waren ehrlicherweise über einen erzwungenen Pausentag nach drei Tagen Aufregung, Klettern, großen Bergfahren und noch mehr Aufregung nicht traurig.Deutschland Harz Klettern Material

Die Wettervorhersage verschlechterte sich und wir überlegten, was wir mit den schönen letzten Urlaubstagen tun wollten. Klettern in Sachsen schloß sich leider aus.

Der Blick auf die Deutschland-Wetterkarte zeigte uns, im Harz sollte das Wetter deutlich kletterfreundlicher sein. Ein gegenseitiges, tiefes in die Augen schauen später, waren die Sachen gepackt und wir saßen im Auto gen Harz.

In weiser Voraussicht, in 2020 kommt alles anders als geplant, hatten wir den neuen Harz-Kletterführer vom Okertal eingepackt und ich schmökerte unterwegs darin.

„Kannst du dich noch an unseren ersten Kletterausflug in den Harz erinnern“, ich drehte mich zu Achim und sah, er kam ins Nachdenken.
„Ja“, die Erinnerung kam zurück, „das war nicht sehr erfolgreich, eher unerfreulich und tief in der Erinnerung verbuddelt. Allerdings ist das auch zehn Jahre her.“
„Ich bin gespannt, ob wir mit unserer gesteigerten Felserfahrung dieses Mal erfolgreicher sein werden.“
„Wir kommen gerade aus Sachsen, was soll uns passieren?“

Klettern im Harz – endlich an die Marienwand

Mit dem Plan, an der Marienwand zu starten, buchten wir uns im Corona-Zeitalter einen frühen Frühstücksslot im Hotel und waren dieses Mal entsprechend früh am Fels. Nur eine Seilschaft war früher aufgestanden.

„Der Granit sieht immer noch nicht so aus als wenn er viele Griffe bereit hält“, ich schaute mir den Fels gut an.
„Ja, das stimmt, aber hier ist es recht geneigt und schöne Risse sind auch da.“
Ich schaute noch einmal genauer, „nach Sachsen kann mich eigentlich nichts mehr schocken. Lass uns starten.“

Achim sah mit den ganzen Keilen und Friends am Gurt aus wie der Weihnachtsmann im Anflug auf den Schornstein, doch schon bald war es weniger. Im Nachstieg sammelte ich alles ein, die Reibungsschuhe taten ihren Dienst und schon bald stand ich neben ihm am Stand.

„Ich gehe weiter“, sagte ich nachdem ich das vor mir liegende Gelände ausreichend begutachtet hatte. Erst etwas queren, dann um eine Ecke herum und schon konnte ich mich auf die Suche nach dem Umlenker machen. Den Weg dahin verbrachte ich mit dem Legen von Friends und Keilen. Geht doch, dachte ich für mich, während ich mich am Standplatz sicherte.

Wir kletterten so lange an der Marienwand bis es uns dort zu voll wurde und schauten, was sich noch in der Nähe an kletterbaren Alternativen findet. Gefunden haben wir den Ostgrat (3+ und 2** laut Führer) am großen Dülferklotz.Deutschland Harz Klettern Maike Brixendorf erster StandIch wagte die erste Seillänge der fast cleanen Route. Ohne wegzeigende Haken ist die Routenfindung Teil der großen Bergfahrt und danach fühlte sich die Kletterei auch an. Ich suchte und fand meinen Weg bis zum ersten Stand, holte Achim bis nach und ließ ihn weiterklettern.

Oben angekommen ließen wir unseren Blick über das ebenfalls liebliche Okertal schweifen. Beseelt lächelten wir uns an.

„Weißt du, Achim, nach drei Tagen klettern in Sachsen ist der Harz gar nicht mehr so schlimm.“

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