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Der Charme des Winterkletterns

Klettern im Winter? Winterklettern? „Es gibt doch Kletterhallen“, ist häufig zu hören. Ich habe, wie viele andere heutzutage auch, das Klettern in einer gelernt. Doch nachdem wir die ersten Male draußen waren, am ECHTEN Fels geklettert sind, seitdem ist es mir klar: Das Klettern in der Halle ist nur ein notdürftiger Ersatz, um fit zu bleiben.

Es ist eine Alternative im hektischen Alltag, um in Fahrradentfernung eine schnelle Klettereinheit einzuwerfen. Meist findet sie in Kombination mit einem erfrischenden Kaltgetränk statt und hat einen ergänzenden soziokulturellen Aspekt, denn in der Kletterhalle ist fast immer jemand Bekanntes anzutreffen.

Die Kletterhalle ist ebenfalls dafür geeignet, um im Winter kletterfit zu bleiben. Die Jahreszeit der kalten Tage, an denen der Fels wenig einladend daherkommt, muss überbrückt werden. Dabei sind die Gedanken fest auf das Frühjahr (oder den Flug nach Teneriffa, da ist Winterklettern ganz wunderbar) gerichtet.

Trotzdem, es lässt sich festhalten, es geht nur in die Kletterhalle, wenn das draußen-Klettern unmöglich scheint oder ist.

Im letzten Sommer sind wir viel draußen geklettert, mehr sogar als sonst. Dafür sind alle Einheiten in der Kletterhalle ausgefallen. Abstandhalten erscheint im Freien einfacher und draußen ist es sowieso schöner.Deutschland Winterklettern Maike Brixendorf in der Sonne

Glücklicherweise sind wir nicht nur auf das Wochenende fixiert, sondern eher auf den Wetterbericht und können spontan agieren.

Der Sommer ging über in den Herbst und wir sind weiter draußen geklettert. Die kurzen Hosen wurden gegen lange getauscht und aus dem t-Shirt wurde ein Pullover.

Dieser Übergang vollzog sich ganz von selbst. Kletterhallen waren aus meinen Überlegungen gänzlich verschwunden und dieser langsame Wechsel der Jahreszeiten nahm uns einfach an die Hand. Er führte uns an den Kleiderschrank und alles lief rund. Wir behielten unsere eingespielte Kletterroutine als der Herbst kam einfach bei.

Die entscheidende Frage …

Ich habe in Vor-Corona-Zeiten unabhängig von der Jahreszeit vehement durchgesetzt, nur bei zweistelligen Temperaturen rauszufahren („nein, Achim, 7,5 Grad ist nicht zweistellig“).

In der gleichen Zeit gab es die Alternative, in warme und gemütliche Kletterhallen auszuweichen. Es ist nicht das gleiche, das ist uns allen klar, doch es ist klettern.

Als der letzte Herbst in den Winter überging, die Tage kürzer wurden und die Temperaturen sanken, da stellte sich die entscheidende Frage: Fahren wir raus zum Klettern oder kommt eine Kletterpause?

Eigentlich war es keine Frage, denn natürlich wollen wir immer klettern. Ich konnte mich an einzelne Klettertage in den vergangenen Wintern erinnern. Das waren besonders sonnige und windstille Tage, an denen wir uns hinaus an den Fels wagten. In freudiger Erwartung auf solche Tage blickte ich in Richtung dunkle Jahreszeit. Der tägliche Blick in die Wetter-App, um einen solchen nicht zu verpassen, erfolgte routiniert.Deutschland Winterklettern Achim Brixendorf in noch mehr Sonne

Ohne dass wir es planten, wurden die Klamotten dicker und die Verpflegung veränderte sich. Die Kaffeemenge stieg und je kühler es wurde, desto weniger Wasser kam mit an den Fels.

Ganz von selbst ging der Herbst unaufgeregt in den Winter über. Langsam kühlte es sich ab und gleichzeitig wurde es früher dunkel.

Irgendwann war mein „wir gehen nur bei zweistelligen Temperaturen raus“ nicht mehr haltbar. Der Blick in die Wetter-App erfolgte zwar immer noch, doch das Gesehene verlor an Bedeutung. Langsam arbeiteten wir uns in die Kälte vor, bis hin zu Klettertagen bei Minusgraden.

Winterklettern hat seinen ganz eigenen Charme. Und spielt mit ganz eigenen Regeln, denn die Felsauswahl folgt den Jahreszeiten.

Felsauswahl beim Winterklettern

Lässt sich die Sonne blicken, dann sollten die Felsen gen Süden ausgerichtet sein. Das bringt einen ordentlichen Wärme- und Motivationspuffer. Auch ist es wichtig, auf die Windrichtung zu achten. Eine windgeschützte Ecke ist viel wert und bringt ebenfalls Pluspunkte bei der individuellen Isolierung.

Kurze Routen haben den Vorteil, dass die Finger die Chance erhalten, nicht komplett auszukühlen, denn mit wirklich kalten Fingern fehlt das Gefühl für den Fels völlig. Ob der Henkel hält oder nicht, das merkt man wirklich nicht. Außerdem sind schnelle Wechsel zwischen Klettern und Sichern ebenfalls möglich.

Bei den Felsen gilt in dieser Zeit freie Wahl. Außer uns verirren sich bei Schnee im Zustieg nicht viele an die norddeutschen Klippen.

Ich frage mich, ob ich es vielleicht gar schon zu Winter-Erstbegehungen gebracht habe. Das wäre doch eine spannende zusätzliche Information zu den Routen. Neben der Erstbegehung auch die erste Begehung bei unter null Grad im Kletterführer vorzufinden. Bestimmt würde das den Ehrgeiz von weiteren Erstbegehungsaspiranten wecken.

Trotzdem bleibt es bei einstelligen Temperaturen, egal ob plus oder minus, sehr frisch am Fels. Dementsprechend war es für mich eine spannende Erfahrung, festzustellen, dass sich die Finger an diese neue, zusätzliche Belastung gewöhnen.

In der ersten Route, selbst wenn die Finger aus den warmen Handschuhen kommen, werden sie kalt und schlimmstenfalls gefühllos. Ich sehe, dass meine Finger um einen Vorsprung gelegt sind, doch ich fühle es nicht. Gedanken schießen in meinem Kopf, das wird ein kurzes Vergnügen ist nur einer davon.

Doch irgendwann bin ich oben und danach wieder unten. Nach wenigen Minuten fängt das Blut an, in den Fingern zu pulsieren. In der zweiten Route sieht die Welt dann ganz anders aus. Irgendwie halten die Finger den Durchblutungsstatus und Klettern ist möglich und besser noch, es bringt sogar Spaß.Deutschland Winterklettern Maike Brixendorf

Der Charmefaktor

Für mich ist es eine weitere spannende Erfahrung, dass einer der schönsten Winterklettertage der aktuellen Saison ein Klettertag bei Minusgraden ist. Die Sonne schien und wir hatten uns ein windgeschütztes Plätzchen ausgesucht. Wir kletterten an Eiszapfen und an so mancher Schneemütze auf Felsvorsprüngen vorbei und hatten fast ein Skiurlaubsgefühl. Dieses Gefühl weckte den Gedanken, wir könnten die Kaffeepause am Felsfuß im t-Shirt begehen. Das haben wir gelassen, doch war es gefühlt nicht der kälteste Klettertag. Auch wenn das Thermometer mir dieses deutlich bestätigte.Deutschland Winterklettern Achim Brixendorf mit Schneemützchen

Meine Ansprüche an mich sind beim Winterklettern andere als im Sommer. Draußen-sein und Klettern ist das Ziel, da rückt der Schwierigkeitsgrad ganz weit nach hinten. Die Verletzungsgefahr, auch wegen kalter Muskeln, wird soweit es beeinflussbar ist, minimiert.

Zwischendurch wird der Speicher immer wieder mit Kaffee aufgefüllt, die Mütze nicht abgesetzt und die Handschuhe sind nie weit weg. Mit diesen Rahmenbedingungen plätschert ein gemütlicher Klettertag vor sich hin.

Nach ein paar leichteren Routen werden ganz automatisch doch einmal schwerere angeschaut. Trotzdem haben unsere Winterklettertage im Schnitt leichtere Durchschnittsschwierigkeiten. Auch die Klettermeter sind geringer. Die Anzahl der Routen unterscheidet sich nicht unbedingt zu Sommerklettertagen, doch durch die kürzeren Routen verringert sich die Gesamtsumme.Sicherlich werde ich immer das Klettern in der Wärme vorziehen. Doch auch den heißen Kaffee an der Wand, das Hin- und Herwechseln der dann beim Reinschlüpfen angenehm warmen Handschuhe zwischen Achim und mir, die Freude über meine sich wieder aufwärmenden Finger, die leeren Felsen und den Wintergeruch genieße ich.

Dieses Klettern-Draußen-Sein ist immer etwas Besonderes und im Winter umso mehr.

Ich bin dem Charme des Winterkletterns erlegen. Kaffee kochen und los!

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